Liebeschancen

Wenn wir uns für einen Partner entscheiden, werden wir von gesellschaftlichen Prägungen und unserer Umwelt mitbestimmt, sagen Soziologen und Historiker. Mit wem wir uns zusammentun, wen wir womöglich auch heiraten, den müssen wir erst einmal treffen. Studien beweisen, dass wir uns meistens im engeren Lebensumfeld auf die Suche begeben.


Die Liebe und die Wissenschaft
Was wir dann als Liebe begreifen, ist meistens von historischen Prägungen bestimmt. An romantische Gefühle glauben Mitteleuropäer etwa erst seit 200 Jahren. Daran haben auch immer wieder scheiternde Beziehungen nichts geändert. Der Mensch heute lebt bevorzugt in serieller Monogamie, das heißt er hat mehrere treue Partnerschaften hintereinander und jedes Mal glaubt er, dieses Mal ist es bestimmt der oder die Richtige. "Geld bleibt immer beim Geld", sagt der Volksmund. Soll heißen Sohn von reichem Papi sucht sich Tochter von anderem reichen Papi zwecks Heirat und Vermehrung des Vermögens. Alles Absicht und finanzielles Kalkül? Wissenschaftler jedenfalls glauben, dass jeder so handelt. Wer auf Partnersuche ist, sucht sich seinen Partner passend zu seinem eigenen Stand, zur eigenen Herkunft. Denn für welchen Mann oder für welche Frau wir uns entscheiden, dafür sind nicht etwa nur das Schicksal oder das Aussehen oder unsere Gene verantwortlich. Ob eine Beziehung Chancen hat, darüber entscheiden auch gesellschaftliche und historische Prägungen. Schon unsere Ahnen suchten sich ihren Partner meist in der näheren Umgebung. Heute ist das nicht anders: Obwohl wir in Großstädten wie New York - rein theoretisch - unter 100.000 potentiellen Kandidaten wählen könnten, beschränken wir uns häufig auf enge Grenzen. In den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts stellten amerikanische Wissenschaftler fest: Ehepaare lebten vor der Hochzeit häufig im gleichen Viertel, nicht selten sogar in der gleichen Straße. Spätere Untersuchungen bestätigten dieses Ergebnis. Und sie bewiesen, dass das weltweit gilt. Das ist ein Beispiel dafür, dass gemeinsame Handlungszusammenhänge und die Gelegenheit, sich zu treffen, sich zu begegnen eine ganz wichtige Rolle bei der Partnerwahl spielen. Es ist nicht unbedingt so, dass man sich einen bestimmten Partner vorstellt und dann versucht, ihn zu finden. Irgendwie heißt Partnerwahl auch immer, eine Auswahl zu treffen unter denjenigen, denen man begegnet. Die Chancen, dass wir uns näher kommen, sind dann besonders gut, wenn Faktoren wie Alter, Hobbys, Religion, Beruf oder Ausbildung übereinstimmen. Studien in der Bundesrepublik beweisen: Mehr als zwei Drittel aller nach dem 2. Weltkrieg geborenen Frauen heiraten Männer, die aus der gleichen Bildungsschicht stammen.


Das tun sie aber nicht bewusst!
Die meisten glauben dabei an große Gefühle. So ist das erst seit 200 Jahren. An der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert erhob das Bürgertum die romantische Liebe zum Entscheidungskriterium. Das hat unser Denken über Partnerschaft bis heute geprägt. Mit der Idee von der romantischen Liebe grenzte sich das Bürgertum vom Adel ab, der bis weit ins 20. Jahrhundert hinein arrangierte Ehen einging. Aber auch bürgerliche Familien vertrauten zunächst nur zögerlich allein auf die Gefühle. Häufig bestimmten hier Mutter und Vater noch mit. Aber um 1900 hatten sich freiere Ansichten durchgesetzt - zumindest in den Städten. Man achtete nicht mehr nur auf die Meinung der Eltern, aber immer noch auf seinen guten Ruf. Und Frauen hatten allen Grund dazu. Ein uneheliches Kind galt als anrüchig und verschlechterte die Chancen auf einen Bewerber. Wer nicht ins Gerede kommen wollte, suchte sich seinen Partner deshalb selbst in den 20er Jahren an öffentlichen Orten. Zeit für lange Bekanntschaft blieb meist nicht. Es wurde schnell und jung geheiratet. Das änderte sich erst in dem 60er Jahren. Mann und Frau konnten sich jetzt testen - dank Pille. Die 68er Bewegung erkämpfte neue Lebensformen. Das Credo: "Wer zweimal mit der selben pennt, gehört schon zum Establishment." Seitdem steigen die Scheidungszahlen. Immer mehr Menschen leben heute dauerhaft alleine, aber nicht wirklich ohne Partner. An der Uni Hamburg hat man herausgefunden, dass der Langzeit-Single nicht die Regel ist. Das Ideal ist die feste, treue Liebesbeziehung. Interessanterweise bedeutet das aber etwas ganz anderes als früher, denn damals wurde die Partnerschaft von äußeren Normen gesichert. Heute ist es vielmehr so, dass es eine bewusste Entscheidung dafür gibt, in eine treue Partnerschaft zu gehen. Die Partnerschaft wird nicht mehr um der äußeren Normen Willen eingegangen, sondern um ihrer selbst willen und dadurch wird sie auch viel unbeständiger. Serielle Monogamie nennen die Soziologen mehrere treue Partnerschaften hintereinander. Wie ernst wir es jedes Mal meinen, beweisen auch andere Studien. Soziologen haben festgestellt: Sexualität ist heutzutage nicht mehr so entscheidend für die Beziehung wie noch vor dreißig Jahren. In der Partnerschaft sucht die Mehrheit heute eher Nähe und Wärme.