Wahrheiten?

"Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei...", so heißt es bereits in der Schöpfungsgeschichte. Im 21. Jahrhundert, das den Individualismus auf die Spitze getrieben hat, wird von vielen Menschen das Gegenteil postuliert: Sie fühlen sich wohler ohne feste Bindung an einen Partner, denn für das wirtschaftliche Überleben und die Fortpflanzung ist die Lebensgemeinschaft zwischen Mann und Frau weniger notwendig als noch vor hundert Jahren.

Wozu wir einen Partner brauchen

Jenseits dieser Umstände haben Liebesbeziehungen kaum an Attraktivität eingebüßt: Das Ideal vom glücklichen Paar, das in Frieden und Eintracht dem gemeinsamen Lebensende entgegensieht, spukt weiterhin in den Köpfen und Herzen der meisten Menschen. Dabei wissen nicht nur ausgebuchte Paartherapeuten, dass der Beziehungs-Alltag eher einem Kriegschauplatz ähnelt als einer romantischen Idylle, in der zwei Herzen in ewigem Gleichklang schlagen. Dennoch ist es meist die Idee der "gleichen Wellenlänge", die viele Paare zusammenführt. Im weiteren Verlauf der Beziehung erzeugt diese Idee aber eine Menge Missverständnisse, weil wir dem Partner unterstellen, dass er so empfindet und handelt wie wir. Unser Hauptirrtum besteht jedoch in unserer Überzeugung, dass wir den Partner "in- und auswendig" kennen. Deshalb fragen wir zu selten und wissen zu wenig.


Warum sich Gegensätze doch nicht immer anziehen

Die meist schmerzhafte Einsicht, dass der andere nicht so ist wie wir und dass wir ihn deshalb auch nicht kennen, bringt uns aber nur dann weiter, wenn wir gleichzeitig akzeptieren, dass unsere Beziehung von einem unbewussten Zusammenspiel zweier seelischer Strukturen getragen wird. Sie muss deshalb als ein Ganzes verstanden werden - ein Ganzes, das allerdings zwei Gesichter zeigt. Paartherapeuten sind davon überzeugt, dass beiden Partnern allenfalls ein Zehntel der in einer Beziehung wirksamen Mechanismen bewusst werden: Neun Zehntel wirken demnach unbewusst und deshalb so schnell, dass unser Bewusstsein nicht lenkend eingreifen kann. Erst das Mitte der siebziger Jahre erschienene Buch "Die Zweierbeziehung" von Jürg Willi hat den Gedanken des "unbewussten Zusammenspiels" in die öffentliche Diskussion gebracht und so unsere wechselseitige Abhängigkeit voneinander postuliert. Wenn wir nämlich das Beziehungsgeflecht als ein Ganzes verstehen, wird unser individuelles "Ich" seines Absolutheitsanspruchs beraubt: Wir müssen es dann als eine nur scheinbar unabhängige Einheit betrachten, da wir auf der seelischen Ebene vom Partner nicht getrennt existieren. Für intime Beziehungen gilt deshalb in besonderem Maße, was letztlich für alle Beziehungen gilt: Das, was wir dem anderen (negativ wie positiv) zufügen, fügen wir vor allem uns selbst zu. Dieses Paarkonzept, das psychoanalytische und kommunikationstheoretische Denkansätze verbindet, ist im Kern nicht neu: Bereits das Neue Testament weist mehrfach auf diesen Sachverhalt hin.


Vom Egoismus zum Synergismus

Wenn wir also unseren Partner angreifen, beschuldigen oder abwerten, projizieren wir nichts anderes als unsere eigenen Schuldgefühle und Selbstabwertungen auf ihn. Damit entlasten wir uns (leider nur vorübergehend) von den unguten Gefühlen, die wir in Bezug auf uns selbst haben. Glücklicherweise gilt das Gleiche auch umgekehrt: Wenn wir unseren Partner lieben und akzeptieren können, wenn wir ihm vertrauensvoll begegnen und ihm nicht nur unsere Stärken, sondern auch unsere Schwächen zeigen können, so spricht das für unsere Selbstakzeptanz, Authentizität und Selbstliebe. Beziehungen bieten deshalb eine ideale Grundlage, um Schritt für Schritt zur Selbsterkenntnis und Selbstliebe zu gelangen. So gesehen ist unser Partner in jedem Fall ein Geschenk für uns, und das unabhängig davon, wie stark wir im so genannten Beziehungs-Clinch mit ihm liegen: Er/sie spiegelt uns täglich sowohl die positiven als auch die negativen Aspekte von Abhängigkeit und Verantwortung. Innerhalb unserer Beziehung sind wir nämlich beides: abhängig und dennoch voll verantwortlich. Es ist nichts anderes als das Spannungsfeld zwischen diesen beiden Polen, auf dem wir unsere Beziehung gestalten, um zu innerem Wachstum zu kommen.


 

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